Extrembergsteiger Simone Moro:"Alles ist für die Kinder ein Spiel!"

Mit spekatuklären Erstbesteigungen, wie der Winterbesteigung vom Gasherbrum II (8.034 m),  fiel der italienische Alpinist und The North Face Athlet Simone Moro immer wieder in den Medien auf. Dabei ist der 44-Jährige ein sehr umsichtiger Sportler, der auch auf den Gipfelerfolg verzichten kann. Um den verunglückten Bergsteiger Tom Moores am 8.516 m hohen Lhotse zu retten, brach Moro auf dem Weg zum Gipfel die Besteigung ab und startete eine Suchaktion. Von der Unesco erhielt der Italiener die .Pierre de Coubertin World Fair Play Trophy verliehen. Auf der OutDoor sprach am The North Face Stand  Kinderoutdoor.de mit dem großartigen Sportler über das Bergsteigen mit Kindern. Auch hier ist Moro, selbst zweifacher  Vater, ein kompetenter Ratgeber und kam dabei ins Philosophieren.

Kinderoutdoor: Simone, Du bist in Valtesse nahe Bergamo aufgewachsen. Wie begann als Kind Deine Liebe zu den Bergen?

Simone Moro: Meine Eltern gingen mit mir und meinen Brüdern jeden Sommer  in die Berge. Für uns Kinder ist das Bergsteigen ein wunderbares Spiel gewesen. Auch wenn ich heute auf einen 8.000er steige, ist es immer noch so wie damals: Ein Spiel! Mit acht oder neun Jahren gingen mein Vater und die Brüder zum ersten mal mit mir auf einen Klettersteig. Die Route war moderat und in mir erwachte die Liebe zu Klettern. Als Kind beschloss ich deshalb: Ich will nicht nur an einem fixierten Stahlseil die Felswände hochklettern, sondern richtig.

Wie reagierten Deine Eltern auf diesen Wunsch?

Simone Moro: Mein Vater sagte mir: Wenn es Dein größter Wunsch ist zu klettern, dann lass Dich nicht aufhalten! Außerdem meinte er, ich soll meine Lebensträume leben und nicht das ganze Leben mit träumen verbringen. Für mich ist das noch heute die große Motivation für Expeditionen. In den Bergen habe ich gelernt mit extremen Situationen richtig umzugehen. Krisenmanagement zu betreiben und auch mit Niederlagen richtig umzugehen.

Manche Eltern sind in den Bergen sehr ehrgeizig und brauchen den Gipfel. Auch wenn es für die Kinder anstrengend oder gar gefährlich wird. Musst Du als Profibergsteiger immer ganz oben stehen?

Simone Moro: Ich sage Dir eines Uli, von meinen 46 Expeditionen weltweit, bin ich bei ungefähr 35% ohne Gipfel zurückgekommen. Für mich ist es kein Weltuntergang. Denn wenn es zu gefährlich ist, wegen Lawinen oder der Wetterlage, drehe ich lieber um.

Simone Moro über seine Anfänge als Bergsteiger: “ Für uns Kinder ist das Bergsteigen ein wunderbares Spiel gewesen. Auch wenn ich heute auf einen 8.000er steige, ist es immer noch so wie damals: Ein Spiel!“
Photographer: Simone Moro Archive
Location: Makalu
Year: 2009
Mit freundlicher Genehmigung von THE NORTH FACE

Du bist also kein Extremist in den Bergen?

Simone Moro: Ich gehe kein sinnloses Risiko ein. Das rate ich allen, die sich in den Bergen bewegen. Ich habe wunderbare extreme Träume von Expeditionen, die ich gerne in die Tat umsetze, aber wenn Gefahr für mich oder das Team droht, weiß ich was zu tun ist.

Was rätst Du Eltern, die mit ihren Kindern in die Berge gehen wollen?

Simone Moro: Rüstet Euch bevor ihr aufbrecht optimal aus. Auch die Kinder. Denkt auch daran, wenn ihr als Eltern sagt eine Bergtour oder ein Klettersteig ist gefährlich, dann ist es auch so für die Kinder. Deshalb meine ich, wir Erwachsenen dürfen unsere Kinder nicht dauernd zur Angst erziehen. Vernünftige Eltern planen eine Bergtour oder Via Ferrara (Klettersteig) so, dass sie und die Kinder Spaß daran haben und keiner überfordert ist. Wichtig ist im Klettersteig die Kinder mit einem Seil nachzusichern. Wer das nicht kann oder sich nicht zutraut, nimmt am besten einen Bergführer mit. Das sind Profis. Wenn ein Seil zwischen dem Kind und einem Elternteil zusätzlich zum fixen Stahlseil am Felsen ist, fühlt sich das Kind auch sicherer.

Du hast selbst zwei Kinder. Welchen Tipp kannst Du Eltern geben, damit die Kleinen bei der Bergtour ihre Freude haben?

Simone Moro: Alles ist für die Kinder ein Spiel. Wir Erwachsenen haben das leider schon vergessen. Aber als Kinder haben wir uns die Welt spielerisch erschlossen. Für mich mit 45 Jahren ist jede Bergexpedition ein Spiel. Wäre es das nicht, hätte ich einen unglaublichen Druck auszuhalten. Deshalb gilt für Wanderungen mit Kindern: Kein Druck! Wenn ein Kind mit einem zu schweren Rucksack, verschwitzt und müden Beinen den Berg hochstiefeln muss, ist es kein Spiel mehr. Spätestens dann müssen die Eltern erkennen, dass es Zeit zum Umkehren ist. Der Gipfel läuft niemanden davon.

Erwachsene können von Kindern viel lernen, findet Simone Moro:“Alles ist für die Kinder ein Spiel. Wir Erwachsenen haben das leider schon vergessen. Aber als Kinder haben wir uns die Welt spielerisch erschlossen. Für mich mit 45 Jahren ist jede Bergexpedition ein Spiel.“
Simone Moro 003
Photographer: Simone Moro Archive
Location: Makalu
Year: 2009
Mit freundlicher Genehmigung von THE NORTH FACE

Was empfiehlst Du konkret, den Kindern spielerisch das Bergsteigen zu vermitteln?

Simone Moro: Zeigt Ihnen wie Karte und Kompass funktionieren. Dann sollen die Kinder selbst den Weg zur nächsten Hütte finden und die Eltern gehen brav hinter ihnen drein. Dadurch lernen die Kinder etwas extrem wertvolles: Verantwortung für sich und andere. Lernen sie das in der Schule? Nein, deshalb meine ich auch, dass die Lehrer mit ihren Schülern viel mehr Outdoor-Spiele unternehmen sollten. In der Natur lässt sich soviel erforschen und sie lehrt uns allen viel. Nach der Bergtour sollten die Eltern die Kinder malen lassen, was sie erlebt haben.

Warum quengeln Deiner Meinung nach Kinder beim Bergsteigen?

Simone Moro: Weil sie nicht genug spielen. Unterwegs lassen sich aus der Situation heraus Spiele erfinden, die der ganzen Familie Spaß machen. Wichtig ist auch, beim Wandern genügend Pausen einzulegen. Zeitdruck darf es beim Bergsteigen mit Kindern nicht geben. Pausen sind für alle gut. Alle Bergsteiger waren einmal Kinder. Alle Bergführer waren einmal Kinder. Alle Hüttenwirte waren einmal Kinder. Alle Expeditionsleiter waren einmal Kinder. Alle Entwickler von Bergausrüstung waren einmal Kinder. Warum sind sie beim Bergsteigen geblieben? Weil sie es immer noch so lieben, wie sie es als kleine Kinder schon taten. Deshalb mein Appell an Kinder und Erwachsene: Spielt mehr!

„Spielt mehr!“ fordert Simone Moro Kinder und Eltern auf.
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Photographer: Cory Richards
Location: Gasherbrum II
Year: 2011
Mit freundlicher Genehmigung von THE NORTH FACE

Ist Klettern oder Bergsteigen eher ein Sport für Mädchen oder Jungen?

Simone Moro: Die Frage stellt sich gar nicht. Am Berg sind alle gleich. Buben oder Mädchen haben das selbe Gehirn. Es gibt Weltklasse Bergsteiger, aber auch spitzen Alpinistinnen. Auch wenn die körperlichen Voraussetzungen unterschiedlich sind, am Berg treffen alle auf die gleichen Gegebenheiten.

Was können Kinder und die Eltern in den Bergen lernen?

Simone Moro: Die Berge lernen uns so viele Sachen! Ein sehr wichtiger Punkt ist: Im Leben ist nicht alles easy, aber nichts ist unmöglich. Stell Dir ein gutes Team zusammen und Du kannst es schaffen. Wenn Du eine Kletterroute oder einen Gipfel nicht schaffst, dann lernst du noch mehr daraus, als wenn du es geschafft hättest. Niederlagen gibt es nicht, sondern alles sind Lernerfolge. In den Bergen lernst Du Dich selbst und andere sehr gut kennen. Einen kühlen Kopf in schweren Situationen zu bewahren und mit der Angst richtig umzugehen, auch das lehren die Berge. Angst kann uns lähmen, dann wird sie für uns gefährlich. Aber Angst kann auch ein Antrieb sein.

Hast Du für unsere Leser einen Tipp, wo Familien viel Spaß in den Bergen haben können?

Simone Moro: Ganz klar: Die Dolomiten in Südtirol. Sie sind ein Paradies für Kinder. Ich habe schon viele Berge auf der Welt gesehen, aber zu den besten Seiten von unserem Planeten gehören die Dolomiten. Hier können die Kinder Abenteuer erleben, mit den Eltern auf die Hütte gehen und dort den Morgen in den Bergen erleben. In Seen oder Schwimmbädern sich abkühlen. In Südtirol liegt einfach alles, sehr schnell erreichbar beieinander.

 

Vielen Dank Simone für das Gespräch!

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