Chariot Experte Nick Becker: "Vorausschauend und defensiv fahren"

Chariot kennt jeder, der mit Kindern ohne Auto mobil sein möchte. Die kanadische Marke Chariot setzt konsequent auf auf den Kindertransport im Outdoorbereich. Wir haben einen Experten zum Thema Kinderanhänger gefragt: Nick Becker. Er ist Fachmann für alle Thule Chariot Produkte.

Kinderoutdoor.de Was ist sicherer: Der Fahrradsitz oder der Kinderanhänger?

Nick Becker, Thule Chariot: Der Kinderanhänger ist durch seine feste Fahrgastzelle und dem niedrigen Schwerpunkt im Falle eines Unfalles deutlich sicherer. Im Kindersitz sitzen die Kinder dagegen ungeschützt. Zusätzlich sind die Kinder auch gegen Wind und Wetter geschützt.

Schaden Fahrradanhänger den Wirbelsäulen der Kinder? Schließlich kam die Bergische Universität Wuppertal in einer Studie zu dem Ergebnis, dass bei einem Tempo von 20 Km/h angeblich das 3,5 fache des Körpergewichtes auf den Kindern lastet. Bei alten Pflasterstraßen soll es sogar das 10,6 fache sein. Soll ich jetzt die Kinder mit dem Auto fahren?

Nick Becker, Thule Chariot: Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Kinder in Kinderanhängern Schäden an der Wirbelsäule erleiden. Mittlerweile ist ein Großteil der Kinderanhänger gefedert und viele Modelle lassen sich sehr gut auf die Bedürfnisse der Passagiere einstellen. Wenn dann auch die Reifen mit einem geringen Luftdruck versehen werden, ähneln Kinderanhänger eher einer Sänfte. Dennoch sollte der Fahrradfahrer seine Geschwindigkeit den Fahrbahneigenschaften anpassen und z.B. Bordsteinkanten nach Möglichkeit meiden oder entsprechend langsam hoch oder runter fahren. Eine Rückkehr ins Auto ist keine Lösung.

Chariot Experte Nick Becker: "Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Kinder in Kinderanhängern Schäden an der Wirbelsäule erleiden."

Chariot Experte Nick Becker:“ Es gibt keinen Hinweis darauf, dass Kinder in Kinderanhängern Schäden an der Wirbelsäule erleiden.“ Foto: (c) Chariot

E-Bikes sind der Renner. Was muss ich beachten, wenn ich einen Kinderanhänger an einem E-Bike befestige?

Nick Becker, Thule Chariot:Das E-Bike sollte nach Möglichkeit für den Anhängerbetrieb freigegeben sein. Besonders ist darauf zu achten, dass die Bremsen gut funktionieren und immer gewartet sind.

Mit dem E-Bike erreicht man, auch mit Kinderanhänger, höhere Geschwindigkeiten als mit einem konventionellen Fahrrad. Wie verlängert sich mit dem Kinderanhänger der Bremsweg von einem Fahrrad?

Nick Becker, Thule Chariot: Der Bremsweg verlängert sich durch die Anhängelast des Kinderanhängers – um wieviel ist abhängig vom Gewicht des Fahrers und des Kinderanhängers, der Geschwindigkeit und der Bodenbeschaffenheit. Es empfiehlt sich, vorausschauend und defensiv zu fahren.

Wie ist es mit dem Kurvenverhalten? Ändert es sich sehr stark, wenn ich mit dem Anhänger unterwegs bin? Wie können Eltern am besten das Fahren mit einem Kinderanhänger üben?

Nick Becker, Thule Chariot: Das Fahrverhalten an sich ändert sich wenig bis kaum – außer dem Bremsweg und der Beschleunigung. Allerdings kann der Kinderanhänger deutlich breiter als das Fahrrad sein (bis ca. 85cm) und daher müssen Engstellen und Kurven besonders langsam und vorsichtig befahren werden. In Kurven kann ein Anhänger bei zu hoher Geschwindigkeit oder beim Überfahren einer Schwelle umstürzen. Am besten lässt es sich ohne Passagiere und ohne Verkehr üben.

Sankt Pauli, Maus, Toten Kopf, Rabe Socke, Bärchen, Lilli Fee, schwarz-rot-gold und vieles mehr findet sich auf den Fahnen für die Kinderanhänger. Sind diese Wimpel Spinnerei oder verbessern sie tatsächlich die Sicherheit im Straßenverkehr?

Nick Becker, Thule Chariot:Die Wimpel sind auf Grund Ihrer Auffälligkeit und Ihrer höheren Position ein wichtiger zusätzlicher Sicherheitsfaktor. Nach Möglichkeit sollte der Wimpel in einer auffälligen Farbe gestaltet sein.

Bei Chariot sind die Böden der aus gespanntem Stoff. Andere Hersteller verwenden Bodenwannen aus Metall oder Kunststoff für die Kinderanhänger. Es halten sich die Gerüchte, dass eine Metallwanne sicherer sein soll. Was ist dran?

Nick Becker, Thule Chariot:Die meisten Kinderanhänger haben mittlerweile einen Boden aus gespanntem Stoff. Nur noch wenige Hersteller bieten Modelle mit festem Boden an – auch Thule Chariot hat mit dem Chariot Captain ein solches Modell im Programm. Allerdings lässt sich eine höhere Sicherheit durch einen festen Boden bzw. Wanne nicht belegen. Wichtiger als der feste Boden ist die Fahrgastzelle und diese wird durch den Rahmen gebildet.

Worauf sollen Eltern achten, wenn sie einen Kinderanhänger kaufen? Was sind die Merkmale für ein hochwertiges Modell?

Nick Becker, Thule Chariot: Eltern sollten bei der Auswahl vor allem auf die Qualität der Materialien achten. Gute Kinderanhänger verbinden wenig Gewicht durch Aluminium-Rahmen mit einem hohen Maß an Sicherheit mit viel Komfort für die Passagiere, z.B. durch 5-Punkt-Gurte, Zubehör für kleinere Kinder und einer festen Fahrgastzelle. Dabei sollte der Alltags- und Freizeitnutzen nicht zu kurz kommen, d.h. ein geringes Gewicht, kleines Faltmaß und schnelles Zusammenlegen und die Möglichkeit den Kinderanhänger auch als Kinderwagen oder Sportbuggy zu benutzen. Seit wenigen Jahren gibt es auch eine spezielle Kinderanhänger-Norm (EN15918), die selbstverständlich von allen Thule Chariot Modellen erfüllt wird. Da die Thule Chariot Modelle auch als Kinderwagen genutzt werden können, erfüllen diese auch zusätzlich die Kinderwagen-Norm (EN1888).

Im Frühjahr und Herbst gibt es überall Kinderbazare. Dort werden auch Kinderanhänger angeboten. Macht es Sinn sich dort günstig einen Kinderanhänger zu kaufen oder gibt es dabei Risiken?

Nick Becker, Thule Chariot:Gute Marken-Kinderanhänger halten bei guter Pflege einige Jahre und lassen sich gut gebraucht kaufen und verkaufen. Darauf ist zu achten, dass es keine starken Rostspuren gibt und der Allgemeinzustand gut ist. Es gibt allerdings immer wieder Verbesserungen der Sicherheit und des Komforts, die in neuen Modellen einfließen. Daher ist es vor allem für Vielnutzer zu empfehlen, sich ein aktuelles Modell zu kaufen.

Ökotest bemängelte vor sieben Jahren, dass bei den Kinderanhängern auch Schadstoffe wie Dispersionsfarbstoffen die Allergien auslösen können, zinnorganische, Weichmacher und chlorierte Kunststoffe. Was hat sich seitdem bei Chariot getan?

Nick Becker, Thule Chariot: In den letzten Jahren ist bei Thule Chariot viel passiert. Schadstoffe, wie Dispersionsfarben und chlorierte Kunststoffe sind mittlerweile nicht mehr in den Produkten enthalten und weitere Materialien konnten auf ein Minimum reduziert werden. Thule Chariot arbeitet weiterhin intensiv daran, möglichst wenige Schadstoffe zu verwenden und war 2010 bei der Stiftung Warentest wie auch 2014 beim Test des ÖKO-Test Magazins mit jeweils einem Modell Testsieger.

Sollen Kinder im Fahrradanhänger auch einen Helm tragen?

Nick Becker, Thule Chariot:Sobald die Kinder gut selbstständig sitzen können und Ihr Nacken kräftig genug ist, ist es sinnvoll, dass sie einen Helm für einen zusätzlichen Schutz tragen. Viele Kinderanhänger haben extra etwas Platz für den Helm.

Zum Schluss die Frage, welche wir jeden Interviewpartner stellen: Was ist Ihr Tipp für Outdoor Familien? Wo sollte man unbedingt gewesen sein?

Nick Becker, Thule Chariot:Besonders schön ist es als Outdoor Familie mit den noch kleinen Kindern im Kinderanhänger einen Campingurlaub an der Ostsee zu machen. Viel Abwechslung, tolle Landschaften und kurze Etappen verbinden sich mit viel draußen sein.

Vielen Dank!

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