Schulranzen richtig tragen und bepacken

Schulranzen bieten bei Eltern einen großen Diskussionsstoff: Wie viel darf man an Gewicht hineinpacken? Schaden Schulranzen den Rücken der Kinder? Denn es ist wissenschaftlich belegt, dass bei den Kindern die Rückenschmerzen zunehmen. Wir haben für Euch bei Experten nachgefragt und geben deren Tipps zum Thema Schulranzen an Euch weiter.

Schulranzen wiegen manchmal mehr, als die Rucksäcke von Extrem-Bergsteigern. Nur dass es sich bei diesen um durchtrainierte Erwachsene handelt. Wohl nichts bewegt die Emotionen von Eltern, Großeltern und Erziehungsverantwortlichen so sehr wie die Frage, welcher Schulranzen bzw. Schulrucksack ist der Richtige und welches Gewicht darf man einem heranwachsenden Rücken zumuten? Hintergrund dieser Sorge ist, neben wenig fundierten aber verunsichernden Informationen in der breiten Medienlandschaft, die Tatsache, dass Rückenschmerzen und Haltungsschwächen im Kindes- und Jugendalter deutlich zugenommen haben. So weisen einige wissenschaftliche Studien auf einen „dramatischen“ Anstieg der Prävalenz von Rückenschmerzen mit zunehmendem Alter hin: von weniger als 10 % der unter 10-jährigen, bis zu 50 % bei 15- und 16-jährigen (Sheir-Neiss et al. 2003). Somit kommt es insbesondere im Zuge der intensiven Wachstumsbeschleunigung während der Pubertät, zu einer auffälligen Häufung von Rückenbeschwerden.

Verursachen Schulranzen Rückenschmerzen?

Als ein wesentlicher Risikofaktor für das Auftreten von Haltungsschwächen und Rückenschmerzen im Kindes- und Jugendalter wird neben dem Bewegungsmangel und stundenlangem Sitzen auch die Belastung durch den beladenen Schulranzen/ Schulrucksack diskutiert. Aus einem Schutzbedürfnis gegenüber den Heranwachsenden heraus wird jedes zusätzliche Gewicht kritisch betrachtet. Allerdings gibt es bisher keinen wissenschaftlich fundierten Beleg, dass Rückenschmerzen bzw. Haltungsschwächen ausschließlich dem Tragegewicht geschuldet sind. Die Empfehlungen für ein Tragegewicht, welches 10 bis 12,5 % des Körpergewichts nicht überschreiten sollte, sind ebenfalls nicht fundiert belegt. Im Gegenteil: Aktuelle Ergebnisse zeigen, dass durchschnittlich fitte Heranwachsende auch bei einem Tragegewicht von 20% ihres Körpergewichtes keine Anzeichen von Überlastung zeigen (Kid-Check Studie der Universität des Saarlandes 2008) wohingegen körperlich schwächliche Kinder durchaus schon bei 12% Tragegewicht Anzeichen einer Überbelastung aufweisen. Normwerte verleiten somit zu irreführenden Kaufentscheidungen und lenken den Blick von eigentlich komplexeren Problemen ab. Die Diskussionen betreffend einer möglichen Gefährdung heranwachsender Rücken sind sehr vielseitig und stehen immer im Zusammenhang mit dem Alter, der individuellen Belastungsverträglichkeit (Kraft und Koordinationsleistung), der Belastungsdauer, der ergonomischen Qualität des Schulranzens/Schulrucksacks, dem individuellen Trageverhalten und weiterer sogenannter Risikofaktoren wie Bewegungsmangel und stundenlangem Sitzen.

Schulranzen oder Schulrucksack? Das ist hier die Frage! Experten gaben uns Auskunft! Foto: Deuter

Schulranzen oder Schulrucksack? Das ist hier die Frage! Experten gaben uns Auskunft!
Foto: Deuter

Das Wichtigste zusammengefasst:

1.     Schulranzen oder Schulrucksack? Zumeist wird nach den ersten 3 Schuljahren vom Schulranzen auf den Schulrucksack, der etwas „cooler“ wirkt, gewechselt. Ihr könnt aber auch mit Beginn der Grundschule beide Optionen wählen, wenn sie den ergonomischen Anforderungen entsprechen (s. u.)

2.     Macht eine potentielle Gefährdung des Kindes nicht an Grenzwerten (z. B. 12%) hinsichtlich des Tragegewichts fest.

3.     Achtet darauf, dass die Kinder nur das in die Schule mitnehmen, was sie wirklich brauchen.

4.     Achtet auf das richtige Tragen des Schulranzens/Schulrucksacks. Liegt er eng am Körper an? Sitz er nicht zu hoch und nicht zu niedrig? Sind schwere Ranzen-/Rucksackinhalte in den körpernahen Fächern verstaut?

5.     Be-lastung ist nicht immer auch Über-lastung. Das Tragen von Schulranzen/Schulrucksäcken hat auch einen positiven Trainingseffekt auf Muskeln und Knochen.

6. Sorgt dafür. dass die Kinder sich viel, vielseitig und das täglich bewegen. Das fängt mit dem Schulweg  an. Denn nur Kinder, die sich ausreichend bewegen sind fitte Kinder.

7.     In Mode gekommene Trolleys sind für die Kinder keine Hilfe. Im Gegenteil, sie haben gleich mehrere Nachteile.

Worauf es beim Schulranzen / Schulrucksack ankommt:

·      Das Leergewicht des Schulranzens/-rucksacks darf bei einem Innenraumvolumen von Minimum ca. 15 L

       im Grundschulalter ca 1300g

       im Mittel- und Oberstufenalter ca.1500g nicht überschreiten.

·      Handling: Der Schulranzen/-rucksack sollte über eine komfortable Anhebehilfe verfügen.

·      Die Schulterträger müssen

o   gut gepolstert und ergonomisch geformt sein (S-Form spart den Nackenbereich zur Vermeidung von Druckstellen aus, verhindert ein von den Schultern rutschen),

o   mindestens 4 cm breit sein und aus rutschfestem Material bestehen,

o   auf Schulterhöhe nahtfrei sein (keine druck- bzw. reibeerzeugende Innennähte),

o   leichtgängig verstellbar und optimal auf die Proportionsunterschiede einstellbar sein.

·      Durch Verstellbarkeit der Schulterträger (Schulterhöhenverstellung) muss das dichte/nahe Platzieren an den Schulterblättern ermöglicht werden.

·      Beim Schulrucksack: Ein (abnehmbarer) Becken-/Hüftgurt mit weich gepolsterten Beckenflossen sowie ein längen- und höhenverstellbarer (abnehmbarer) Brustgurt müssen den Schulrucksack sicher am Körper fixieren, sodass sich das Gewicht optimal von den Schultern auf den hinteren oberen Beckenkamm verlagert. Dank des Brustgurts rutschen die geschwungenen, gepolsterten Träger nicht von den Schultern.

·      Beim Schulrucksack: Der Inhalt muss nah an den Rücken herangebracht werden, z. B. mittels eines Tunnelzugs mit Kompressionseffekt bzw. durch einen seitlich angebrachten Kompressionsgurt. Dadurch verdichtet sich der Schulrucksack und verringert somit die Hebelwirkung auf den Rücken. Ein Großteil des Gesamtgewichts wird somit vom Rücken auf den hinteren oberen Beckenbereich des Kindes übertragen und durch die Beckenflossen optimal umverteilt.

·      Beim Schulranzen: Ein längen- und höhenverstellbarer Brustgurt muss den Schulranzen sicher am Körper fixieren, sodass sich das Gewicht optimal von den Schultern auf den hinteren oberen Beckenkamm verlagert. Dank eines Brustgurtes rutschen die geschwungenen, gepolsterten Träger nicht von den Schultern.

·      Die Fächeraufteilung im Schulranzen/-rucksack muss so gestaltet sein, dass ein rückennahes Platzieren/Tragen schwerer Gegenstände in einem dafür vorgesehenen Innenfach realisiert werden kann.

·      Der Schulrucksack sollte durch einen verstärkten Boden selbständig und sicher stehen können.

Wieviel darf an Gewicht in einen Schulrucksack hinein? Foto: (c) Hama GmbH & Co. KG

Wieviel darf an Gewicht in einen Schulrucksack hinein?
Foto: (c) Hama GmbH & Co. KG


Die auf dem Rücken des Nutzers anliegende Seite (Rückenkonstruktion) des Schulranzens/-rucksacks muss folgende Kriterien aufweisen:

·      Ergonomische Konturierung (unter Berücksichtigung der physiologischen Schwingung der Wirbelsäule), welche die Dornfortsätze der Wirbelsäule entlasten und die Hauptlast auf die Weichteile entlang der Wirbelsäule seitengleich überträgt. Der Ranzen/Rucksack soll sich an den Rücken „anschmiegen“

·       Beim Schulrucksack: leicht handhabbare, stufenlose Rückenlängenanpassung, welche die Höhe des Schulrucksacks individuell über eine Größenskalierung anpasst. Der Verstellungsmechanismus darf dabei keinen Druck auf den Rücken des Kindes erzeugen.

·      Stabiles Material damit der Inhalt nicht auf den Rücken des Nutzers durchdrücken kann,

·      Atmungsfreundliche Rückenpolsterung zur Belüftung und Verminderung der Wärmeentwicklung,

·      Rutschfestes Material mit seitlicher Rückenführung (z. B. seitliche Erhöhungen oder Beckenflossen bei Rucksack ), welches ein „hin und her“ Rutschen verhindert und eine mittige Platzierung des Ranzens/Rucksacks auf dem Rücken gewährleistet.

Sinnvolle Ergänzungen für den Schulranzen:

·       Leicht handhabbare, stufenlose Rückenlängenanpassung, welche die Höhe des Schulranzens individuell über eine Größenskalierung anpasst. Der Verstellungsmechanismus darf dabei keinen Druck auf den Rücken des Kindes erzeugen.

·      Abnehmbarer Beckengurt/Hüftgurt mit weich gepolsterter Beckenflosse zur Lastverteilung auf den stabilen Hüftbereich.

Der Schulranzen/-rucksack in der Zusammenfassung

Mindestanforderungen für Ranzen und Rucksack:

·      Geringes Leergewicht

·      Komfortable Anhebehilfe

·      Schulterträger: gut gepolstert, ausreichend breit, leichtgängig verstellbar, rutschsicher

·      Fächeraufteilung: mehrere Fächer – schwere Gegenstände nah am Körper platziert

·      Rückenteil des Schulranzens: ergonomische Konturierung, druckstabil, atmungsfreundlich –   Belüftungsrillen, rutschfest – seitliche Führung

Mindestanforderungen für Ranzen:

·      Längen- und höhenverstellbarer Brustgurt

Mindestanforderungen für Rucksäcke:

·      Becken-/Hüftgurt (abnehmbar)

·      Brustgurt, längen- und höhenverstellbar (abnehmbar)

·      Tunnelzug mit Kompressionseffekt, Kompressionsgurt

·      Verstärkter Boden, sicherer Stand

·      Rückenlängenanpassung


Ebenfalls sinnvoll für Schulranzen:

·      Rückenlängenanpassung

·      Becken-/Hüftgurt

Grundsätzlich muss von einer besonderen Empfindlichkeit gegenüber Fehlbelastungen jeder Art ausgegangen werden, solange sich das Haltungs- und Bewegungssystem noch in der Entwicklung befindet. Umso wichtiger ist es, schon im Kindesalter auf ergonomisch erforderliche Bedingungen hinzuweisen und diese zu beachten.

 Wir von Kinderoutdoor.de danken für die Informationen:

Herrn Dr. Dieter Breithecker

Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V.

Wiesbaden

www.haltungbewegung.de

Informationen sowie Empfehlungen der

·      Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung e. V., Wiesbaden

·      Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V., Selsingen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Foto: Hama GmbH & Co KG

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