Der ADFC im Interview: Radeln mit Kindern

Seit 1979 gibt es den ADFC (Allgemeiner Deutscher Fahrrad-Club). An einem Esstisch in Bremen entstand die Idee diesen Fahrrad-club zu gründen. Seitdem hat sich viel getan und mit den Elektro-Fahrrädern bekommt das Zweirad wieder richtig Schwung. Auch Radtouren mit der Familie in Deutschland findet immer mehr Anhänger. Bevor Ihr in die neue Fahrrad-Saison startet haben wir beim stellvertretenden Pressesprecher vom ADFC und Redakteur der Radwelt, René Filippek,  nachgefragt und tolle Tipps bekommen.

Kinderoutdoor.de Der Winter fand dieses Jahr woanders statt. Worauf sollen die Eltern achten, wenn sie zum ersten mal mit dem Fahrrad aufbrechen?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Auch wenn die Fahrräder noch gar keinen Staub angesetzt haben, ist ein Check der Technik ein Muss. Sind die Bremsbeläge noch in Ordnung? Funktioniert die Schaltung reibungslos? Ist die Kette geschmiert? Auch die Lichtanlage muss natürlich funktionieren. Bei der Auswahl der Strecke sollte man darauf achten, die Kinder nicht zu überfordern. Ein paar Wochen ohne Radfahren können die Belastbarkeit schon deutlich senken. Deshalb: Ruhig angehen lassen, nicht zu weit fahren und keine schwere Anstiege.

Manche Kinder haben zwar einen Dickkopf, doch der schützt vor Verletzungen beim Radfahren nicht. Woran erkennen Eltern einen hochwertigen Radhelm für die Kinder?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Was die reine Produktqualität betrifft, kann man nicht viel falsch machen. Die nötigen Sicherheitsnormen werden von den in Deutschland erhältlichen Helmen erfüllt. Aber verschiedene Dinge sollte man beachten: Im Inneren des Helmes ist das Herstellungsdatum zu finden. Der Helm sollte bei Kauf nicht älter als ein Jahr alt sein, weil das Material mit der Zeit spröde wird und die Schutzwirkung nachlässt. Nach vier Jahren sollte ein Helm nicht mehr genutzt werden. Und er muss natürlich gut passen.

Wie passe ich einen Radhelm richtig an?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Wichtig ist, dass der Helm richtig passt. Dabei geht es nicht nur um den Kopfumfang, sondern auch um die Form des Helmes – nicht jeder passt auf jeden Kopf. Wenn der Helm per Einstellungssystem angepasst wurde, sollte er bei heftigem Nicken des Kindes fest auf dem Kopf sitzen bleiben und nicht wackeln. Ebenso bei seitlichen Bewegungen. Das Kind soll sich aber wohlfühlen – klagt es darüber, dass es irgendwo drückt, muss man ein anderes Modell ausprobieren. Der Kinnriemen darf nicht zu fest sitzen, weil das unangenehm ist und die Bewegungsfreiheit einschränkt. Etwa ein bis zwei Finger sollten noch zwischen Kinn und Riemen passen. Ganz wichtig: Die Stirn muss vom Helm fast ganz bedeckt sein, sonst kann der Helm nicht richtig schützen! Etwa ein Finger breit sollte Platz zwischen Augenbrauen und Helm sein. Sonst kann der Helm bei einem Sturz in den Nacken rutschen und für Verletzungen sorgen. Oft wird es als störend empfunden, wenn die Helmkante im Sichtfeld ist, deshalb schieben auch Erwachsene den Helm gern in den Nacken – so kann aber der Helm nicht richtig schützen und wird sogar selbst zur Verletzungsgefahr.

MIt wenig Steigungen radeln Familien am Möhnsee entlang. Foto: Fotolia  c. Kznon

Es ist sinnvoll, dass Kinder, deren Körperbeherrschung noch nicht voll ausgebildet ist, einen Helm tragen, um möglichen Verletzungen vorzubeugen,“ findet Rene Filippek vom ADFC.
Foto: Fotolia c. Kznon

Eigentlich sollten die Eltern Vorbilder sind, doch etliche sind beim Radfahren Helmmuffel. Warum eigentlich?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Es ist sinnvoll, dass Kinder, deren Körperbeherrschung noch nicht voll ausgebildet ist, einen Helm tragen, um möglichen Verletzungen vorzubeugen. Bei Erwachsenen ist das differenzierter zu sehen. Helmtragen wird von vielen als unangenehm empfunden, deshalb tragen auch nur wenige Radfahrer einen Helm. Radfahren ist keine gefährliche Tätigkeit, auch wenn die vielen Helmpflichtdiskussionen der letzten Jahre diesen Eindruck erwecken konnten. Ohne Helm Rad zu fahren ist nicht verantwortungsloser, als ohne Helm zu Fuß zu gehen oder ins Auto zu steigen, das zeigt der Blick in die Unfallstatistik. Daher ist es bereits vorbildlich, mit dem Rad zu fahren, das ist gesund und senkt die Unfall- und Verletzungsgefahr für andere Verkehrsteilnehmer beträchtlich. Ob man das mit Helm tut oder ohne, sollte jedem selbst überlassen bleiben.

Viele Familien planen für dieses Jahr Radtouren. Wie viele Stunden oder Kilometer darf man am Tag den Kindern zumuten?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Bei der Streckenplanung spielt das Profil eine große Rolle. Auf einer steigungsfreien Route können Kinder, die Radfahren gewohnt sind, durchaus 20 oder mehr Kilometer und einige Stunden am Tag schaffen. Sind Anstiege zu bewältigen, sollten es weniger sein. Auf jeden Fall sollten genug Pausen eingeplant werden, um für Abwechslung zu sorgen. Auch sollte es möglich sein, eine Tour abzubrechen und mit der Bahn nach Hause fahren zu können, wenn die Kinder erschöpft sind. Am besten probiert man aus, was die Kinder vertragen und woran sie noch Spaß haben und beginnt mit kürzeren Touren.

Was sollte bei einer Radtour über mehrere Tage an Ausrüstung unbedingt dabei sein?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Wichtig sind Ersatzteile wie Schläuche, Ersatzspeichen etc. und Werkzeug, um kleinere Reparaturen vornehmen zu können. Kleidung für verschiedene Wetterlagen gehört ebenso in die Taschen wie Proviant, falls das nächste Etappenziel doch weiter entfernt ist als geplant. Weiter hilfreiche Tipps gibt es unter www.adfc.de/adfc-reisenplus/radtouren-planung/radtouren-planung.

Wie plant man eine Radtour für die Ferien, bietet der ADFC Literatur, Apps oder ähnliches an?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Der ADFC bietet zahlreiche Planungshilfen an. Zum Beispiel die Broschüre „Deutschland per Rad entdecken“, in der die schönsten deutschen Radfernwege vorgestellt werden, inklusive Infos über den Schwierigkeitsgrad, Familien- und Anhängertauglichkeit. Die ADFC-Sternerouten-App für das iPhone bietet diese Infos auch für unterwegs. In Zusammenarbeit mit dem Verlag BVA gibt der ADFC die erfolgreichsten Radtourenkarten heraus. Dazu gibt es auf unserer Homepage viele Tipps zur Planung. Alles findet man auf www.adfc.de/adfc-reisenplus/uebersicht-reisenplus. ADFC-Mitglieder bekommen auch eine persönliche Beratung.

Der ADFC prämiert auch Radwege, warum eigentlich?
René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Radtouristen haben besondere Ansprüche an ihre Routen. Von der Ausschilderung über die Fahrbahn-Oberfläche, Sehenswürdigkeiten an der Strecke bis zu fahrradfreundlichen Gastbetrieben. Die Auszeichnung als ADFC-Qualitätsradroute zeigt Radtouristen: Hier sind Radfahrer willkommen und können darauf vertrauen, gute Voraussetzungen für ihren Urlaub vorzufinden. Das führt dazu, dass insgesamt eine Verbesserung der Qualität eintritt. Denn so bekommen auch die Routenbetreiber die Möglichkeit zu erfahren, was Radurlauber brauchen und erwarten. Viele Radfernwege wurden von uns geprüft und mit einer vorläufigen Bewertung versehen: Oft wurden danach noch Verbesserungen vorgenommen, um mehr Sterne zu erhalten. Davon profitieren die Radtouristen, weil sie bessere Qualität bekommen, und die Routen, weil mehr Gäste per Fahrrad kommen.

"Auf einer steigungsfreien Route können Kinder, die Radfahren gewohnt sind, durchaus 20 oder mehr Kilometer und einige Stunden am Tag schaffen" so der Experte vom ADFC. Foto (c) Kinderoutdoor.de

„Auf einer steigungsfreien Route können Kinder, die Radfahren gewohnt sind, durchaus 20 oder mehr Kilometer und einige Stunden am Tag schaffen“ so der Experte vom ADFC.
Foto (c) Kinderoutdoor.de

Nach welchen Kriterien geht der ADFC dabei vor?

René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC:  Routeninspektoren prüfen die Radfernwege und vergeben Punkte für die Qualität der Wegeoberflächen, für die Dichte der bett+bike-Betriebe in Streckennähe, für die Bahnanbindung, die Zahl der Sehenswürdigkeiten an der Strecke und noch viele Kriterien mehr. Je nach Zahl der Punkte werden ein bis fünf Sterne vergeben. Mehr Infos zu den ADFC-Qualitätsradrouten gibt es hier: http://www.adfc.de/450_1.

Zu unserer letzten Frage, die wir jeden Interviewpartner stellen: Wo sollten Outdoor-Familien unbedingt einmal unterwegs gewesen sein?

René Filippek, Redaktion Radwelt/stellv. Pressesprecher ADFC: Besonders bieten sich die Flussradwege an, da sie meist ohne große Höhenunterschiede auskommen und für Kinder somit gut zu bewältigen sind. Die Landschaften sind oft sehr abwechslungsreich – so entspringen viele Flüsse in gebirgigen Gegenden und führen bis ins Flachland. Da hat Langeweile kein Chance.

Vielen Dank für das Interview!

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