Giftige Outdoor Jacken?! "Ein Umdenken und genaueres Hinschauen auf Verbraucherseite ist angesagt"

Outdoor Jacken als chemische Zeitbomben? In den Medien gibt es immer wieder darüber Berichte, welche gefährlichen Chemikalien in Outdoor Jacken sein sollen. Als Konsument ist man schnell irritiert: Wer möchte schon seine Gesundheit, wegen kontaminierten Outdoor Jacken riskieren? Kinderoutdoor.de hat beim Bundesverband der Deutschen Sportartikelindustrie e.V. (BSI) nachgefragt. Hier sind auch Hersteller von Outdoor Jacken und anderen wetterfesten Textilien organisiert. Adalbert von der Osten, Geschäftsführer vom BSI, hat unsere Fragen zu giftigen Substanzen in Outdoor Jacken und Outdoor Bekleidung beantwortet.

Kinderoutdoor.de Perfluorsulfonsäure, Perfluoroctansäure sowie per- und polyfluorierte Chemikalien fand das Umweltbundes Amt (UBA) in Outdoorkleidung. Wie kommen diese Substanzen da hinein?

Adalbert von der Osten:Zunächst mal muss man zwischen Perfluorsulfonsäure (PFOS – C9-Chemie) und Perfluoroctansäure (PFOA – C8-Chemie) unterscheiden. PFOS ist über die REACH-Liste in Europa verboten und wurde in den Jacken auch nicht gefunden. PFOA ist bislang EU-weit noch nicht beschränkt; mit einem Verbot ist voraussichtlich ab 2015/2016 zu rechnen.

PFOA fällt beim Produktionsprozess der Textilien als Nebenprodukt bei der Imprägnierung der Jacken an und wird zur Herstellung von PTFE-Membranen als Hilfsstoff eingesetzt. Es kann in der Herstellung oder aber später beim Waschen der Jacken freigesetzt werden und über die Abwässer in die Umwelt gelangen.

Warum setzten Outdoormarken bisher PFC und PFOA ein?

Adalbert von der Osten:In vielen Outdoor-Textilien wurde bislang PFOA (C8-Chemie) eingesetzt, das aufgrund seiner umweltschädlichen Eigenschaften zu Recht in der Kritik steht.

Es wird, wie oben erwähnt, zur Imprägnierung von Outdoor Jacken bzw. zur Herstellung atmungsaktiver Membranen eingesetzt. Fluorchemie verleiht den Textilien hochfunktionale Eigenschaften, wie Wasser- Schmutz- und Ölabweisung und sorgt länger für ein qualitativ hochwertiges Aussehen. Bislang konnten diese Funktionsmerkmale, für die Outdoor- Bekleidung von vielen geschätzt wird, nicht auf andere Weise hergestellt werden.

PFCs im Allgemeinen sind ebenfalls nicht unbedenklich, weil sie persistente Eigenschaften haben und damit in der Umwelt nicht abgebaut werden können. Gesicherte wissenschaftliche Erkenntnisse über ihre Umwelt- und Gesundheitsschädlichkeit liegen bislang leider noch nicht vor. Die im Bundesverband der Deutschen Sportartikelindustrie organisierte Fachgruppe Outdoor hat sich aufgrund dieser unsicheren Situation im Sinne des Umweltschutzes dazu entschieden, langfristig ganz auf die Nutzung per- und polyfluorierter Che- mikalien zu verzichten.

Kinderoutdoor.de Es gibt Gütesiegel wie Ökotex oder Bluesign. Diese sollen den Verbrauchern zeigen, dass die damit gekennzeichnete Kleidung ökologisch einwandfrei ist. Können sich die Kunden wirklich darauf verlassen?

Adalbert von der Osten:Ökotex und Bluesign stellen sehr hohe Standards an den Schadstoffgehalt in Bekleidung. Dieser liegt zum Großteil über den gesetzlichen Grenzwerten. Allerdings ist es auch klar, dass Funktionsbekleidung nicht gänzlich ohne Chemikalien hergestellt werden kann. Daher ist es manchmal eine sehr schmale Gradwanderung, was noch eingesetzt werden kann und worauf unter Umweltgesichtspunkten lieber verzichtet werden sollte. Bluesign positioniert sich hier ganz klar und sagt, dass sie die strengste und bestmöglichste aller ökologischen Optionen wollen, aber die Funktionalität der Textilien auch ihre Berechtigung hat und nur durch den Einsatz von Chemikalien sichergestellt werden kann.

Umweltorganisationen wägen hier häufig anders ab und setzen Grenzwerte strenger, das heißt aber nicht, dass Ökotex oder Bluesign damit ihre Berechtigung verlieren. Letztlich darf man auch nicht vergessen, dass selbst Greenpeace zugibt, nicht komplett auf Chemikalien in Outdoor-Bekleidung verzichten zu können. Die Forderung „zurück zum Wollpulli“ besteht auch von dieser Seite nicht.

Kinderoutdoor.de Die Fachgruppe Outdoor (FGO) vom BSI reagierte am 15.09.2012 auf die Vorwürfe von Greenpeace und stellte in einem Statement dazu fest, dass es ein gemeinsames Ziel ist aus der PFC-Chemie auszusteigen. Was ist der aktuelle Stand?

Adalbert von der Osten:Die Firmen in der FGO arbeiten mit Hochdruck an der Umstellung der Produktion. Allerdings darf man nicht vergessen, dass ein solcher Veränderungsprozess rund zwei Jahre Vorlauf benötigt, d.h. im letzten Sommer wurde die Kollektion für die Saison 2015 / 2016 geplant.

Gemeinsam werden über den Verband Projekte organisiert, um die Firmen in diesem Substitutionsprozess zusätzlich zu unterstützen. Beispielsweise arbeiten wir mit einer Universität an einer Konsumentenbefragung, um herauszufinden, wie Kunden ihre Outdoorbekleidung tatsächlich nutzen, waschen und nachbehandeln. Für die Firmen ist diese Information wichtig, um den Kunden intelligente, auf ihre Bedürfnisse abgestimmte, PFC-freie Lösungen anbieten zu können.

Hier ist aber auch ganz klar ein Umdenken und genaueres Hinschauen auf Verbraucherseite angesagt. Die Frage: Brauche ich wirklich alle Funktionen, oder worauf bin ich im Interesse des Umweltschutzes auch bereit, zu verzichten, muss erlaubt sein.

Wir wissen, dass dieses Potential und die Bereitschaft zum Umdenken schon existieren. Nicht umsonst verzichten zahlreiche Verbraucher/innen schon heute auf ein eigenes Auto und nutzen Car-Sharing-Angebote. Im Interesse des Umweltschutzes müssen wir alle gemeinsam handeln und keine radikal-rückwärtsgewandten, sondern neue, intelligente Lösungen finden.

Viele Verbraucher fragen sich: Was ist drinnen in einer Outdoor Jacke? Alles unbedenkliche Stoffe oder vielleicht giftige Substanzen? Foto (c) Kinderoutdoor.de

Viele Verbraucher fragen sich: Was ist drinnen in einer Outdoor Jacke? Alles unbedenkliche Stoffe oder vielleicht giftige Substanzen?
Foto (c) Kinderoutdoor.de

Kinderoutdoor.de Labels wie elkline, Didriksons oder Isbjörn of sweden haben bereits PFC freie Produkte in ihren Sortimenten. Worin liegt die Schwierigkeit die PFC Chemikalien kurzfristig zu ersetzen?

Adalbert von der Osten:Wie bereits erwähnt, dauert die Umstellung von Produktionsprozessen rund 2 Jahre. Allerdings finden sich auch jetzt schon erste PFC-freie Artikel in den Sortimenten deutscher Outdoor-Firmen.

Kinderoutdoor.de  Nachhaltigkeit ist ein Begriff der in der Outdoor-Branche Hochkonjunktur hat. Wie grün ist die Branche wirklich?

Adalbert von der Osten:„Quietschgrün“ und inzwischen zum Glück auch häufig sehr bunt!Die Nähe zur Natur spielt in der Outdoor-Branche eine große Rolle. Viele Geschäftsführer und Mitarbeiter von Outdoorfirmen sind selber Natursportler und begeisterte Wanderer, Kletterer und Bergsteiger. Da liegt es auf der Hand, sich auch für den Naturschutz zu engagieren. Die Firmen unterstützen beispielsweise einzelne Umweltprojekte, den Deutschen Alpenverein oder gemeinsam über die schon erwähnte Fachgruppe Outdoor das Kuratorium „Sport und Natur“, das sich für den politischen Interessenausgleich zwischen Sportlern und Naturschützern einsetzt. Hier werden Lösungen für Konflikte gefunden, wenn es z.B.um die Nutzung von Wäldern durch Mountainbiker oder von Felsen durch Kletterer geht. Ein ureigenes Interesse eines jeden Outdoor-Sportlers.

Kinderoutdoor.de Zum Schluss eine Frage, die wir allen Interviewpartnern stellen: Was ist Ihr Outdoor Geheimtipp für Familien? Wo sollten diese unbedingt einmal gewesen sein?

Adalbert von der Osten:Ich bin mit meiner Familie regelmäßig Tessin (Schweiz) und von den dortigen Wandermöglichkeiten begeistert.

Vielen Dank!

 

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