Berlin Tourismus mal anders: Bergsteigen mit der Familie am Teufelsberg

Wandern in einer Großstadt wie Berlin?! Das schließt sich eigentlich aus. Doch in der Bundeshauptstadt gibt es außer einer platten märkischen Sandlandschaft zwei Massive, die mit 114,7 m ü.N.N. auch die Reichtagskuppel überragen. Wir haben uns zur Expedition auf den Teufelsberg begeben und fanden die Wanderung höllisch gut!

Im Grunewald liegt der Teufelsberg. Im Gegensatz zu den meisten Bergen lässt sich bei ihm relativ genau sagen aus wieviel Gestein er besteht: 26 Millionen Kubikmeter. 22 Jahre, von 1950 bis 1972, luden hier täglich Lastwagen Trümmerschutt ab. Davon gab es in Berlin reichlich, denn in den letzten Kriegswochen tobte zwischen Spree und Havel eine verheerende Schlacht. Berlin ist außerdem ein Ziel von schweren Luftangriffen gewesen. Auch der Teufelsberg hat sein Fundament, im wahrsten Sinne des Wortes, in der schrecklichen Zeit von 1933 – 1945. Er steht auf dem Rohbau der Wehrtechnischen Fakultät. Ein größenwahnsinniges Projekt, so wie die meisten Bauten aus der braunen Diktatur. Fünf Jahre nach Kriegsende begannen die West- Berliner die vorhandenen Reste von diesem Bauprojekt mit Schutt aufzufüllen. Irgendwo mussten sie ja hin damit und da ihre Stadt wie eine Insel in der DDR lag, fehlte es an Platz.

Wie zwei riesige Champions ragen die ehemaligen Radargebäude vom Teufelsberg über den Grunewald.
© fuxart – Fotolia.com

So entstand in Berlin der Mount Everest der eingeschlossenen Stadt. Wie erklärte mir ein alter Grunewalder “ Da ham ma uns jedacht: Wenn wir nich in de Berge kommen, dann kommen eben die Berge zu uns!“  Pragmatisch sind die Hauptstädter schon immer gewesen und so schichteten sie sich einen neuen Berg auf. Bereits 1957 konnte man dort 10 Millionen Kubikmeter an abgeladenen Trümmern feiern. Insgesamt, so schätzen Experten, besteht der Teufelsberg aus den Resten von über 15.000 Gebäuden die im Krieg zerstört oder beschädigt wurden. Mit der Buslinie 218 erreichen wir den Ausgangspunkt unserer kleinen Wanderung. Von der Teufelsseechaussee geht es immer bergauf. Die Berliner nutzen den Teufelsberg intensiv, weniger für eine Bergtour so wie wir, sondern sehr sportlich: Paraglider heben hier ab. Selbstveständlich ist auch der Deutsche Alpenverein dort mit einem Kletterfelsen vertreten. Mountainbiker brettern auf Singletrails durch die grüne Hölle vom Teufelsberg.

Zu jeder Jahreszeit nutzen die Berliner Familien ihren Teufelsberg: Zum Ski- oder Schlittenfahren, Mountainbiken, laufen oder zum Drachensteigen.
© Katja Xenikis – Fotolia.com

Det kann nur Berlin!

Kaum ist der erste Schnee gefallen, tummeln sich Wintersportler an den Steilhängen des Berliner Massivs. In den 80er fanden hier zweimal zu Promotionzwecken Skirennen mit Weltklasseathleten statt. Natürlich kein Alpiner Abfahrtslauf, dafür ist die Piste mitten in Berlin etwas zu kurz, aber es gab hier spannende Parallel-Slalom-Wettbewerbe. Wir planen weniger so lange unterwegs zu sein, bis es zu schneien beginnt und steigen bergauf. Immer wieder sehen wir die verfallene Radarkuppel. Sie ist das markante Zeichen vom Teufelsberg. Von 1957 bis 1991 nutzten britisches und amerikanisches Militär diese Einrichtung um von der Gegenseite den Funkverkehr abzuhören. Seitdem die Alliierten diese Anlage aufgegeben haben, ist sie dem Verfall preisgegeben. Das Projekt, dort oben ein Hotel zu errichten scheiterte. Zum Glück, wie die meisten Berliner und Naturschützer meinen. Am Gipfel erlebten wir auch eine Führung mit. Dort hörte ich, dass für verschiedene Filme der Teufelsberg als Kulisse diente. Das passt auf jeden Fall, denn der Ausblick von dort oben ist spektakulär. Ganz Berlin liegt wie eine Fototapete vor einem. Wenn John F. Kennedy hier auf dem Gipfel vom Teufelsberg den legendären Satz „Ich bin ein Berliner!“ gesagt hätte, ich könnte verstehen warum. In welcher Hauptstadt gibt es einen derart tollen unverbauten Aussichtsberg? „Det kann nur Berlin!“ meinte ein Einheimischer auf dem Gipfel seiner Stadt. Wer mit seiner Familie in die Bundeshauptstadt reist und einmal abseits der Touristenströme unterwegs sein will, der wandert auf den Teufelsberg.

Berlin erfindet sich ständig neu. Trotzdem hat alles hier irgendwie seinen Platz und passt, wie auch immer, zusammen. Baukräne gehören zum Stadtbild, wie die Löcher zum Emmentaler.
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